Brauchen wir den digitalen Ausweis? (#346)

13. September 2026

Willkommen zum Tipp der Woche. Jeden Sonntag um 12 Uhr bietet die App „Senioren mit Smartphone“ neue Tipps zu Smartphone und Internet für Senioren und Technikinteressierte.

Vor einigen Wochen habe ich Ihnen im Tipp „Ausweis digital ab 2027 (#341)“ erklärt, wie die digitale Brieftasche funktionieren soll. Seitdem hat sie einen Namen bekommen – und ich habe viel Post von Ihnen bekommen.

Fast alle Zuschriften liefen auf dieselbe Frage hinaus: Brauche ich das überhaupt?

Heute erkläre ich deshalb ausnahmsweise keine Menüwege. Heute lege ich Ihnen in Ruhe beide Seiten vor – was dafür spricht, was dagegen spricht, und was ich selbst davon halte.

Kurz zur Erinnerung: Das ist der Stand

Die deutsche Ausweis-App heißt seit dem 9. September offiziell d-you (gesprochen: „Di-Juu“). Das „d“ steht für digital und Deutschland, das englische „you“ heißt „Sie“ – weil Sie im Mittelpunkt stehen sollen.

Sie startet am 2. Januar 2027, kostenlos und freiwillig. Der digitale Führerschein soll schon etwas früher kommen, Ende 2026, allerdings zunächst in einer zweiten App namens i-Kfz.

So weit die Nachricht. Jetzt zur eigentlichen Frage.

Was dafür spricht

Weniger Wege. Das ist für mich der stärkste Punkt, und zwar gerade für ältere Menschen. Wer schlecht zu Fuß ist, für den ist ein Amtstermin kein Klacks. Erst der Weg, dann die Wartenummer, dann fehlt ein Formular. Wenn das künftig vom Sessel aus geht, ist das kein Spielzeug, sondern ein Stück Selbstständigkeit.

Sie zeigen weniger von sich. Das klingt zunächst seltsam, wird aber oft übersehen. Wenn Sie heute Ihren Ausweis vorlegen, sieht Ihr Gegenüber alles – Name, Geburtsdatum, Wohnort, Foto. Auch dann, wenn er eigentlich nur wissen muss, ob Sie volljährig sind. Digital bekommt er nur die Antwort auf diese eine Frage. Das ist mehr Datenschutz als bisher, nicht weniger.

Schluss mit der Ausweiskopie per E-Mail. Manche Anbieter verlangen ja bis heute ein Foto Ihres Ausweises. Ich rate davon seit Jahren ab, denn danach liegt Ihr Ausweis irgendwo auf einem fremden Computer. Eine digitale Prüfung ersetzt genau das.

Weniger in der Tasche. Wem schon einmal die Handtasche gestohlen wurde, der weiß, was danach kommt: sperren, neu beantragen, Gebühren, Lichtbild. Was Sie nicht mit sich herumtragen, kann Ihnen auch nicht abhandenkommen.

Was dagegen spricht

Jetzt die andere Seite. Ich will Ihnen nichts schönreden.

Der Akku. Ein Ausweis aus Plastik funktioniert immer. Ein Handy mit leerem Akku nicht. Wer sein Gerät abends ans Kabel hängt, hat damit selten ein Problem – aber ein Unterschied bleibt es.

Die PIN. Ohne die sechsstellige PIN zu Ihrem Ausweis geht gar nichts. Und die kennen nach meiner Erfahrung höchstens zwei von zehn Menschen. Sie kam damals per Brief, und der liegt bei den meisten in irgendeinem Ordner.

Ihr Handy muss mitspielen. Nötig sind Android ab Version 12 und eine bestimmte Funktechnik im Gerät. Auf älteren Handys und auf Huawei-Geräten läuft es nicht. Wer also ein gut eingelaufenes Telefon hat, bleibt vorerst außen vor – und sollte sich davon bitte kein neues aufschwatzen lassen.

Es gilt nur in Deutschland. Der digitale Führerschein hilft Ihnen im Urlaub in Italien kein bisschen. Die Plastikkarte muss weiterhin mit ins Handschuhfach.

Zwei Apps für eine Sache. Der Führerschein kommt zuerst in die App i-Kfz und später auch in d-you, weil zwei verschiedene Ministerien daran arbeiten. Das ist unglücklich gelöst und wird am Anfang für Verwirrung sorgen.

Betrüger werden das Thema nutzen. Das ist mein größter Vorbehalt. Sobald so etwas in den Nachrichten ist, kommen die gefälschten E-Mails: „Ihr digitaler Ausweis muss jetzt freigeschaltet werden.“ Kein Amt schickt Ihnen so etwas. Klicken Sie niemals darauf. Woran Sie solche Maschen erkennen, zeige ich im Tipp „Fake Shops erkennen (#339)“.

Warum ich trotzdem erst einmal abwarte

Ein Punkt fehlt noch, und der ist mir wichtig.

Sich mit dem Personalausweis im Internet ausweisen zu können, ist nämlich gar nichts Neues. Das geht in Deutschland schon seit 2010, der Chip steckt seither in jedem Ausweis. Nur hat es kaum jemand genutzt – schlicht, weil es zu wenige Stellen gab, bei denen man es gebraucht hätte.

Genau daran entscheidet sich auch diesmal alles: Ob die App etwas taugt, hängt nicht an der App, sondern daran, wie viele Ämter, Banken und Firmen wirklich mitmachen. Vierzig Partner zum Start sind ein Anfang, mehr aber auch nicht.

Deshalb mein Rat: Schauen Sie sich das im Januar in Ruhe an. Es eilt nichts, und wer ein halbes Jahr wartet, verpasst garantiert nichts.

Ein Wunsch zum Schluss

Alle Beteiligten betonen, die App sei freiwillig – und das steht sogar ausdrücklich im Gesetz. Das finde ich richtig und wichtig.

Trotzdem kennen wir beide, wie es oft läuft. Zum Bahnfahren wurde auch niemand gezwungen, ein Handy zu benutzen. Erst verschwand der Schalter, dann der Automat, und am Ende gab es das günstige Ticket nur noch in der App. Bei den Bankfilialen war es ähnlich.

Mein Wunsch ist deshalb einfach: „Freiwillig“ ist nur so lange etwas wert, wie der Weg ohne Handy wirklich offen bleibt – und zwar nicht teurer und nicht langsamer. Solange das gilt, ist die digitale Brieftasche eine gute Sache: ein Angebot, kein Zwang.

Mein Fazit: Brauchen Sie das?

Ehrliche Antwort: Brauchen tun Sie es nicht. Ihr Ausweis aus Plastik bleibt gültig, die Ämter bleiben geöffnet. Wer nicht mitmacht, verpasst nichts und muss sich für gar nichts rechtfertigen.

Aber ich glaube, dass einige von Ihnen mehr davon haben werden, als sie heute denken – nicht weil es modern ist, sondern weil es Wege spart. Und Wege sind das, was mit den Jahren mühsamer wird.

Eine Sache würde ich deshalb schon jetzt erledigen, weil sie Ihnen auch sonst nützt: Ihre Ausweis-PIN.

Keine Sorge: Wenn Sie den alten Brief nicht mehr finden, ist das kein Drama. Im Bürgeramt setzt man Ihnen kostenlos eine neue PIN, bringen Sie einfach Ihren Ausweis mit. Wie Sie dort online einen Termin bekommen, erkläre ich im Tipp „Bürgeramt Termine Online (#210)“.

Damit halten Sie sich alles offen – und können in aller Ruhe entscheiden.

Übrigens: Wenn Sie ein Auto haben, können Sie ein Stück davon heute schon ausprobieren. In der App i-Kfz vom Kraftfahrt-Bundesamt steckt bereits Ihr Fahrzeugschein, und der gilt bei einer Kontrolle in Deutschland. Falls Sie dazu eine ausführliche Anleitung möchten, schreiben Sie mir – dann mache ich daraus einen eigenen Tipp.

Kurz zusammengefasst

Die Ausweis-App heißt d-you und startet am 2. Januar 2027, kostenlos und freiwillig. Dafür spricht: weniger Behördenwege, besserer Datenschutz, weniger Papiere in der Tasche. Dagegen spricht: leere Akkus, die vergessene PIN, ältere Handys, zwei verwirrende Apps – und dass der Nutzen davon abhängt, wer alles mitmacht.

Mein Rat: nichts überstürzen, in Ruhe zuschauen, aber die Ausweis-PIN schon jetzt klären. Und sich von niemandem drängen lassen.

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Betreff: Senioren App

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Vielen vielen Dank!

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Bis nächste Woche und viel Spaß mit den neuen Möglichkeiten. Der nächste Tipp der Woche erscheint am kommenden Sonntag, den 20.09.2026 um 12 Uhr. Bleiben Sie gesund und mit freundlichen Grüßen Jonah

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